Heute musste ich unfreiwillig eine ziemlich lange Zeit im Wartebereich eines Krankenhauses verbringen, um einen Angehörigen anzumelden, der – auch unfreiwillig und ungeplant – mit dem Rettungswagen eingeliefert wurde. (Seltsam manchmal, unsere Wortwahl – eingeliefert – hört sich eher nach einer Sache an, als nach einem Menschen.)

Unfreiwillig also. Ich hatte den Vormittag nun wirklich anders verplant, etwas Sinnvolleres tun wollen. Und nun saß ich da und wurde immer unruhiger. Und ärgerlicher. Warum dauerte das denn so lange? Wieso gab es nicht mehr Anmeldestellen, wo doch offensichtlich die beiden Plätze nicht ausreichten für die bis jetzt ca. 10 Wartenden. Vor mir lief ein mittelalter Mann wie ein Tiger auf und ab und versuchte durch kontinuierliches Anstarren die rote `Bitte warten´- Anzeige in ein grünes `Bitte eintreten´ zu verwandeln. Ich begann mich über ihn lustig zu machen. „Dadurch geht´s auch nicht schneller.“ schoss es mir durch den Kopf. Und just in diesem Moment ging mir ein Licht auf. Dadurch, dass ich mich darüber aufregte, hier wartend rumsitzen zu müssen – tja, dadurch ging der unvermeidliche Ablauf der Anmeldeprozedur auch nicht schneller voran.
Ich sagte mir –

Nutze die Wartezeit sinnvoll, statt Dich aufzuregen.

Also überredete ich mich, die Zeit für eine Achtsamkeitsübung zu nutzen. So, wie ich es meinen Klientinnen immer empfehle. Zunächst schaltete ich meine Sinne an –

Was höre ich?
Eine unglaubliche Geräuschkulisse: Telefonklingeln. Die Eingangstür, die jedes Mal knallend ins Schloss fiel, wenn jemand raus oder rein ging. Das Rattern eines Wäschewagens durch den Gang. Und dann die feineren Töne – das Quietschen des Aufzugs, das Schlappschlapp der Flipflops der Besucher, das Tippen auf dem Display des Handys neben mir, ein leises Dauergeräusch… vielleicht eine Klimaanlage? War mir vorher gar nicht aufgefallen.

Was sehe ich?
Die Bilder an der Wand – wunderschöne Naturfotos aus der nahen Umgebung, Nahaufnahmen und Panoramabilder. Zeitschriften auf dem Tisch, eine breite Auswahl von Gala bis Autobild und – tatsächlich ein medizini-Magazin, das hatten meine Kinder doch so geliebt! Ich widerstand der Versuchung und schaute weiter.

Und jetzt wurde es spannend – die Menschen, was für eine bunte Mischung!
Die Mutter mit dem quengelnden Kind, wenig gepflegt und ziemlich genervt. Die deutlich Übergewichtige, die gerade durch die Eingangstür schlurfte, sie sollte dieses gestreifte Shirt wirklich nicht… Die dürre Patientin mit der Schachtel Zigaretten auf dem Weg zum Ausgang… Der ungekämmte, alte Mann mit der fleckigen Hose, den Rollator schiebend… Die junge Frau im Rollstuhl, mit dem viel zu großen, hässlichen Oberteil, mit eingegipstem Bein bis oben hin und rotgeweinten Augen, geschoben offenbar von der ebenso aufgeregten Mutter…

Und ich?

Ich hatte zu allem und jedem eine Meinung, konnte blitzschnell sagen, was wie hätte anders sein sollen, oder wer sich anders hätte verhalten sollen…
Wie anmaßend!
Es gab sicher für alles gute Gründe. Vielleicht war der ungeduldige Mann besorgt um seine kranke Frau und wollte sie nicht zu lange allein lassen. Vielleicht hatte die Mutter eine durchwachte Nacht hinter sich? Vielleicht war dies das gestreifte Wohlfühl-Lieblingsshirt der Frau, das sie gerade heute dringend brauchte, um den Tag zu überstehen? Vielleicht hatte das junge Mädchen einen Unfall und ein netter Mensch hatte mit einem Pulli ausgeholfen? Vielleicht war die Mutter der Tochter im Rollstuhl völlig überfordert und vor lauter Mit-Leiden nicht in der Lage, ihre Tochter zu trösten? Und vielleicht hatte der alte Mann niemanden, der sich um sein Aussehen kümmerte.

Ich hatte mich ertappt!

Die eigentlich als Achtsamkeitsübung begonnene Beobachtung wurde zu einer Lehrstunde für mich über Oberflächlichkeit und Schubladendenken.

Zwei Dinge habe ich heute gelernt:
1. Was entgeht mir alles, wenn ich gehetzt, unachtsam und gestresst durch die Welt stolpere.
2. Wie schnell stecke auch ich noch immer wieder Menschen und Situationen in Schubladen und meine zu wissen, was gut, richtig oder angebracht ist.

Die Menschheit ist so unglaublich vielfältig. Jeder ist in seiner Art einzigartig und hat seine Geschichte. Und ich meine, niemandem steht es zu, sich ein Urteil über sie oder ihn zu erlauben, ohne diese Geschichte zu kennen.

Ich wünsche mir sehr, dass wir alle etwas bewusster mit unserem Schubladendenken umgehen.

Ich werde es ganz bestimmt tun.

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